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Von Verwahrlosung zu Erweckung: Wo Erneuerung beginnt (Jobst Bittner)

Von Verwahrlosung zu Erweckung: Wo Erneuerung beginnt (Jobst Bittner)

Wir leben in einer zunehmend verrohenden Gesellschaft, die ihre christlichen Werte und damit ihren inneren Kompass ver­loren hat. Gleichzeitig spricht man von einer Zeit wachsender Verwahrlosung. Die meisten nehmen das nicht einmal wahr. Nahezu unbemerkt hat der Geist der Verwahrlosung es ge­schafft, bis in die Tiefen der Gesellschaft und über die Grenzen von Kirchen und Gemeinden Einzug zu halten.

Menschen, die mit einer Bindungslosigkeit und ohne inneren emotionalen Halt auf­wuchsen, sind vernachlässigt und leiden oft unter einem verwahrlosten Geist. „Wir müssen funktionieren“, ist der Satz, der ih­nen mit in die Wiege gelegt wurde und der sie oft zu Menschen mit Stacheln werden lässt, die andere leicht verletzen können, die ihnen zu nahe zu kommen scheinen.

VERUNSICHERTE MENSCHEN

Das Ergebnis sind zutiefst verunsicherte Menschen, denen es sehr schwer gelingt, auf sich selbst und auf andere zu achten. Der Anspruch, sich um andere zu kümmern und für sie zu sorgen, wird als Überforderung wahrgenommen. Wer ihnen helfen möch­te, wird leicht mit den Dornen und Disteln ihres verwilderten Gartens Bekanntschaft machen, die sie wie eine stachelige Hecke des Selbstschutzes und des Misstrauens um sich herum aufgebaut haben.

EIN NEUER BESTÄNDIGER GEIST

Nachfolger Jesu pflegen ihr geistliches Le­ben, indem sie auf Gottes Anweisungen und Gebote achten und sich ihm im Gebet immer wieder zuwenden. Der Geist der Verwahrlosung hält immer dann Einzug, wenn der Schutzzaun des Wortes Gottes niedergerissen wurde oder löchrig gewor­den ist. Wir müssen mit einem verwahrlos­ten Geist nicht leben. König David bittet in den Psalmen um einen „neuen beständigen Geist“. (Psalm 51,12) Der Prophet Hesekiel spricht davon, dass Gott uns ein „neues Herz und einen neuen Geist“ geben möchte. (Hesekiel 36,26) Und Paulus ermahnt die Gemeinde in Ephesus: „Lasst euch in eurem Denken erneuern durch den Geist, der euch geschenkt ist.“ (Epheser 4,23)

Wir können mit Gottes Hilfe und den richti­gen Schritten den verwilderten Garten des verwahrlosten Geistes in eine wunderschö­ne und fruchtbare Landschaft verwandeln.

RELIGIÖSE ERSTARRUNG UND FORMALER GLAUBEN

Die Kirchengeschichte kennt viele Bei­spiele, wie der lebendige Glaube seine bi­blische Mitte verliert, formal wird und er­starrt. Als Antwort darauf ruft Gott immer wieder Erneuerungs- und Erweckungsbe­wegungen hervor.

An der Schwelle des 17. Jahrhunderts zum Beispiel ist der lutherische Glaube an­erkannt und nahezu eine Selbstverständ­lichkeit. Die „billige Gnade“ wurde für viele Christen zu einem selbstgerechten und allzu bequemen Ruhekissen. Die dog­matische Erstarrung der lutherischen Or­thodoxie brauchte dringend eine geistliche Antwort.

ERNEUERUNG IN DER KIRCHENGESCHICHTE

Im frühen 17. Jahrhundert liegen die An­fänge des Pietismus. Er steht für die Erneu­erung und Wiederbelebung des geistlichen Lebens. Wir kennen Namen wie August Hermann Francke (1663–1727), Johann Alb­recht Bengel (1687–1752) oder eben Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760): Es sind die Namen der Gründer und geist­lichen Väter, die für den Herrnhuter oder auch für schwäbischen Pietismus stehen. Der Pietismus wird zu einer tiefgreifenden geistlichen Erneuerung mit der Kraft, Kir­che und Gesellschaft zu verändern.

Wir finden im 17. Jahrhundert ebenso die Anfänge der Aufklärung, die sich ihren Weg über René Descartes (1596–1650), Pierre Bayle (1647–1706) und F.M.A. de Voltaire (1694–1778) quer durch Europa et­was verzögert nach Deutschland bahnt. Die Gedanken der Aufklärung sind eine Art Antipol zur Bibeltreue des Pietismus. Die Aufklärung versteht sich als Sieg des menschlichen Geistes, der die Finsternis einer mittelalterlichen Wort-Gottes-Gläu­bigkeit überwindet. „Sapere aude!“ „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, ist der Wahlspruch der Aufklä­rung und meint, dass es jetzt Zeit ist, die Bi­bel als Richtschnur und Maßstab beiseite-zulegen.

Nun gibt es ohne Zweifel in der Aufklärung Vorzüge, die bis heute für das Sozialwe­sen wie auch für die Frage der Menschen-rechte und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung eine entscheidende Rolle spielen. Gleichzeitig hat die Aufklärung eklatant negative Folgen für die Kirche und Gesellschaft – und das bis heute: Das bib­lische Zeugnis von der Sünde wird für den durch die Aufklärung geprägten Menschen ebenso zu einem Ärgernis, wie der Glaube an einen Schöpfer, der die Welt mit seinem Wort erschaffen hat. Jesus Christus wird vom Erlöser zu einem Tugendlehrer und ethischen Vorbild degradiert.

WIE DER „GEIST DER VERWAHRLO­SUNG“ ÜBERWUNDEN WERDEN KANN

Zahlreiche Menschen haben heute eine Art Bibel-Allergie. Das Wort Gottes als Maßstab und Orientierung ernst zu nehmen, ist ih­nen fremd. Hunderttausende kehren einer erstarrten und vom Herz der Reformation weit entfernten Kirche den Rücken zu. Viele Freikirchen verkündigen ein weichgespül­tes Evangelium, in dem die Botschaft vom Kreuz, Glaubensgehorsam und Heiligung kaum noch eine Rolle spielen.

Jeder Mensch geht – ob er darum weiß oder nicht, ob er dies anerkennt oder verleugnet – dem Tag entgegen, an dem Jesus in seiner Herrlichkeit kommen und alle Lebenden und Toten richten wird. Dann wird er – der das lebendige Wort ist – zwei Worte sagen. Zu den einen: „Kommt her, ihr Gesegneten des Vaters!“ Und zu den anderen: „Geht von mir, ihr Verfluchten.“ (Matthäus 25, 34+41) Wenn wir versuchen, den Menschen vom Glauben an den richtenden Gott zu befrei­en, haben wir die rettende Botschaft der gnädigen Erlösung Jesu ungültig gemacht und lassen den Menschen des 21. Jahrhun­derts mit sich selbst allein.

Trotzdem glauben die Menschen weiter – und sie tun es ohne Kirche. Sie gehören zur großen Mehrheit der Gläubigen unserer Zeit, die den Hirten und die Weide verlas­sen haben. Viele von ihnen sind Menschen mit einem „verwahrlosten Geist“. Was wer­den wir ihnen verkündigen und welche Bot­schaft werden wir ihnen weitersagen? Ein „Geist der Verwahrlosung“ kann auf der ge­sellschaftlichen wie auch kirchlichen Ebe­ne nur durch eine Erneuerung und Wieder­belebung geistlichen Lebens überwunden werden.

Die Botschaft des Propheten Hosea ist für uns heute brandaktuell: „Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!“ (Hosea 10,12) Erneuerung fängt im­mer bei uns selbst an.

 

Dieser Artikel aus der Offensiv News ist ein ergänzter Auszug aus dem neuen Buch von Jobst Bittner: „Der Geist der Verwahrlosung“, Tübingen 2020. Bald erhältlich: www.tos-medien.de. Lade dir hier das Magazin herunter und/oder abonniere das Magazin kostenlos auf https://tos.info/offensiv/